Ai ai Captain

Jul 25, 2019

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Es braucht ein feines Händchen, einen Halbsalondampfer, ohne Schraube, auf See und Fluss, auf 48.5 Meter Länge und bei 1.15 Meter Tiefgang auf Kurs zu halten, mit zwei drehenden Rädern nach links und rechts zu steuern. Es braucht eine gut eingespielte Mannschaft, um mehr als 153 Tonnen bei Wind und Wellengang punktgenau an- und abzulegen. Bei Bilderbuch-Bedingungen sicher an Badenden, Pedalos, Paddlern und Kitesurfern vorbei. Auch wenn der Vortritt dem Verkehrsschiff gehört, so 360 PS in Dampfmaschine betrieben sind schwerfällig zu bremsen. Und die 153 Tonnen gelten nur bei Leerverdrängung.


Der Murtner Schiffskapitän Patrick Morier, alias Patoche hat das Ying und das Yang am richtigen Fleck verstaut. Ihn kann wenig aus der Ruhe bringen.

Rot für Backbord sieht er nur in Kumulation von mehreren Umständen. Im grünen Bereich, also Steuerbord ist für ihn, wenn Deck und die Kabine an möglichst vielen Fahrten mit vielen Passagieren gut und sicher besetzt sind.

Skipperin durfte mit der Neuchâtel aufs Wasser. Das letzte Dampfschiff der Drei Seen ist 1912 für 550 Passagiere erstmals ausgelaufen und wurde vor fünf Jahren in grosser Spendenaktion komplett restauriert und gewassert. Auch ein eidg. Diplom als Dampfschiff-Kapitän ist nicht alltäglich – und es gibt ja nur drei Freiburger, die es besitzen und beruflich nutzen dürfen.

Die Navigation des Dampfers funktioniert im wachsamen Zusammenspiel zwischen Kapitän, Mechaniker, Hilfsmechaniker und der Crew mit den dicken Tauen beim An- und Ablegen. Die halbtägige Dampfschiff-Prüfung ist nicht ohne, wenn Scheiben extra mit Folien verdeckt werden, um Schlechtwetter-Situationen zu simulieren. Mann-über-Bord und Bug-Pfahl gehören genauso dazu wie für jeden kleinen Hobby-Kapitän – aber der darf beim Bremsen wenigstens selber Hand anlegen.

Im Maschinenraum mit Diesel-Brenner und Heizkessel wird es satte 50 Grad warm, der Dampf auf 230 Grad erhitzt. Man stelle sich die zusätzliche Hitze anno dazumal mit brennender Kohle vor. Das Klingeln von Kapitän Patoche hat mit der Zeit was Nervendes, ist aber ein wichtiges Kommunikationsmittel zur Ankündigung, dass ein Manöver ansteht, um ein Vorwärts, Rückwärts und die Schubstärke anzugeben. Der Kapitän eines Dampfschiffes signalisiert und steuert, in die Pedale tritt der Mechaniker. Je nach angezeigter Stärke muss er das in vier Nuancen machen: von „Bien doucement“, „Doucement“ über „Demi Vitessse“ bis zu „En Route“. Neben dem altmodischen Klingeln gibt es Mikrofon, GPS, Kameras und Bildschirme.

Der Kamin ist seit Bau der DS Neuchâtel einklappbar, was wichtig ist für die Fahrt unter den Brücken der Broye und der Zihl hindurch. Die Neuchâtel ist extra tief gebaut worden, um See- und Flussweg überqueren zu können.

Mit 45 Umdrehungen der seitlich drehenden Steuer-Räder pro Minute scheint sich ein Chill-Modus einzustellen. Das hat im Fall was. Langsamer, als ein durchschnittliches Herz pro Minute schlägt, bei maximal 23 Stundenkilometern auf dem Wasser, versprechen kontemplative Ying und Yang im Einklang.