Postkarte an Frau Rathgeb

Dez 12, 2019
Werte Frau Rathgeb Haben Sie vielmals Entschuldigung für die hässige Postkarte vom 31. Mai 1938. Frau Hanny Schneider war bestimmt nicht so pfeffrig wie ihre Zeilen zu Ihnen nach Pfäffikon, aber voller quälender Schuldgefühle. Sie wollte Sie abgekürzt gefl. und umgehend um eine Mitteilung in einer Angel. bitten. Scheinbar war sie Ihnen für eine Familie R. was schuldig.

Wenn wir heute nur wüssten, ob es Geld war? Viel Geld? So ein paar blaue Scheine? Oder haben Sie der Familie, als Sie in Murten zu Besuch waren, Essen spendiert, weil ihr Portemonnaie verschwunden war. Frau Hanny Schneider selig aus der Hauptgasse wüsste es. Vielleicht liessen Sie auch ihr Wind-Jäckchen dort, weil die Kleine der Familie R. kalt hatte? Wie kommt es dazu, dass eine Bäckerin aus Pfäffikon auf Durchreise nach Murten einer Familie R. was gegeben hat, was eine Frau Schneider für sie abgelten will? Und zwar so schnell als möglich? Das kann kein trockenes Brot sein.

Seien Sie versichert, Frau Rathgeb, diese Karte wird das Haus nie verlassen, denn auf der Vorderseite ist ein Haus abgebildet, frei von verdichtetem Verbauen von Nachbarsquartieren. Die Bewohner dieses Hauses, das mitten auf freiem Feld steht, halten die Karte also in Ehren – sie ist ein historisches Dokument geworden und Anreiz zum heiteren Krimi-Raten. 

Bleiben Sie also beim besten Glauben, Frau Hanny Schneider hat Sie nicht nur freundl. gegrüsst, Ihnen aber die Hoffnung gegeben, die Zeilen mögen Sie in bester Gesundheit erreichen. Das hoffen wir insbrünstig – ebenso, dass die Schulden zwischenzeitlich beglichen wurden. 

Hochachtungsvoll
MS aus M

Weitere Karten und Briefe aus der Serie der Schweizer Post #reasons2write finden sich hier: https://bit.ly/362KI46